Berlin Marathon – mein 11.er und nicht der Schönste!

Berlin muss man einmal laufen. So oder so ähnlich habe ich das in den letzten Jahren immer wieder mal gelesen.

Vergangenes Jahr war es dann soweit. Nach vorherigen, vergeblichen Anmeldungen bekamen drei Läufer von lauffreund.de den Zuschlag. Die Freude war groß, währte aber recht kurz. Silvio und Sven sollten bei Bekannten außerhalb von Berlin unterkommen. Da ich jedoch meinen Berlin-Aufenthalt recht kurz gestalten wollte, meine Frau mitreiste, sollte es ein Hotel sein. Am Morgen vor der Auslosung der Startplätze waren in Berlin noch zahlreiche, bezahlbare Hotelzimmer vorhanden. Abends waren nur noch Zimmer im deutlich hochpreisigen Segment zu bekommen. Nun ja, im Sommer, knapp 10 Wochen vor dem Startschuss gelang es, ein Zimmer nach unserem Geschmack zu ergattern.

In Berlin werden Startnummern nur bis zum Vortag ausgegeben. Liegt das an den Sicherheitsbestimmungen oder am Bestreben, möglichst viele alle Hotelbetten am Marathonwochenende zu belegen? Die Wahrheit liegt bestimmte irgendwo dazwischen. So starteten wir am Samstagmorgen gen Berlin, trafen dort um die Mittagszeit ein. Nachdem wir unser Auto drei Seitenstraße weiter geparkt hatten – unser Hotel lag direkt an der Rennstrecke – begaben wir uns zur Messe „Berlin-Vital“, wo die Startunterlagen ausgegeben wurden.

Sven und Silvio hatten ihre Unterlagen schon am Samstagmorgen geholt. So trafen wir uns nach kurzem Aufenthalt auf der Messe mit den beiden am Pariser Platz, gerade richtig, um den Zieleinlauf beim Minimarathon zu erleben. Ein kurzer Rundgang rund um die Läuferzone, ein Hefeweizen ließen die Spannungen steigen. Wir alle waren ja mit speziellen Erwartungen angereist. Für mich sollte es am besten wieder was um die 4 Stunden werden, meine Vorbereitungen haben mich zeitig von meinem Ziel, die Frankfurter Zeit von 2016 zu toppen, Abschied nehmen lassen.

Da wir alle auf weiteres Sightseeing keine Lust hatten, Silvio und Sven bei ihren Gastgebern zum Abendessen eingeplant waren, verabschiedeten wir uns zeitig. Nach einem Zwischenstopp im Hotel gings an das Carboloading.

Meine Nacht war geplant um 5 zu Ende, kurz vor 6 war ich rennfertig. Das Hotel bot aufgrund des Marathons bereits um 6 Uhr Frühstück an. Gegen acht Uhr trafen wir Silvio und Sven, um 08:30 Uhr auf dem Marathongelände. Für meine Frau begann nun ein Marathon der besonderen Art – ein Wartemarathon. Im Berliner Start-Ziel-Bereich ist es für Angehörige kaum möglich, in der Nähe der Familienangehörigen zu sein, das kenne ich von anderen Veranstaltungen nicht. Ok, das hier ist mit über 43000 gemeldeten Läufern eine andere Nummer....

Pünktlich vor dem Startschuss standen wir in unserer Boxengasse: Startblock H. Unabhängig von unseren Planungen waren wir alle dort und konnten so bis zum Beginn zusammen sein. Die Minuten vor dem Start sind immer recht emotional, Berlin macht da keine Ausnahme. Tausende Läufer in einer Startaufstellung, die Moderationen, die Begrüßung der Läufer von anderen Läufern aus aller Welt – ich glaube nicht, dass dies von anderen unbewegt aufgenommen wurde. 50 Minuten nach dem Start der Spitzengruppe war die Reihe an uns. Jetzt ging es los. Sven bekam von mir noch mal einen extra Daumen zugeschickt – gerade ihm wünschte ich das Finish heute ganz besonders. Das letzte Finish in einem Marathon lag ein paar Jahre zurück, es sollte endlich wieder mal klappen!

Starttor, Piepsen der Zeitmatten, los gings. Zwar hatte ich mich von meinem Ziel, die 03:50:56 von letzten Jahr eigentlich verabschiedet, ich wollte trotzdem eine Pace von 05:20 solange wie möglich halten. So hängte ich mich an Silvio, der kurz vor mir durchs Gewimmel kurvte. Das ging bis zum Ernst-Reuter-Platz gut, dann verlor ich ihn aus den Augen, als ich einigen großen Pfützen ausweichen musste. 5km, in Moabit zeigt meine Uhr etwas unter 26 Minuten und ich fühlte mich prima. Die Kilometerschilder am Straßenrand beachtete ich nicht, so fiel mir gar nicht auf, dass der Kilometerpieps meiner Garmin und die Schilder gar nicht zusammen passten. Das merkte ich das erste Mal bei Kilometer 11, laut Uhr war ich bei 11,3km als der elfte am Straßenrand angezeigt wurde. Mist, letztes Jahr in Frankfurt war es anders rum. Da zeigt einem die Uhr aber eine schlechtere Pace als man tatsächlich läuft. Hier nun das Gegenteil – die Uhr vermeldete Kilometer um Kilometer Zeiten um die 05:20, tatsächlich lief ich irgendwo um die 05:30 rum. Einen Versuch, hier noch was aufzuholen, brach ich zum Glück beizeiten ab. Eigentlich will ich doch unter 4 Stunden bleiben, dass ist derzeit überhaupt nicht gefährdet….. So ging es bei gewohnter Pace dann nach Kreuzberg hinein. Die Stimmung am Straßenrand ist gigantisch, an einigen Punkten kommt der bekannte Kloß im Hals.

Ich habe es schon einige Male geschrieben: viele mögen die Zeit um den 30.,35. Kilometer nicht. Für mich ist die Strecke zwischen 20 und 30 der Abschnitt, an dem mir vieles, was meine Motivation betrifft, so etwas Blödes wie einen Marathon zu machen, durch den Kopf geht. Hier in Berlin nicht anders – noch keine 20 Kilometer gelaufen und ich fange schon an, die Strecke in 5km-Stückchen aufzuteilen….. Mir geht’s körperlich gar nicht schlecht, habe keine Krämpfe, laufe die Verpflegungsstellen mit Becher und Apfel in der Hand durch. Mein Puls erlaubt mir, mich mit Mitläufern zu unterhalten. Aber ich will heute nur noch ins Ziel. Die Stadt als Laufkulisse eigentlich großartig. Aber irgendwie auch proppevoll und laut. Zwischendurch überlege ich doch tatsächlich, in 5 Wochen in Frankfurt zu laufen, wo es auch voll und laut ist. Aber eben nicht ganz so voll und laut.

Alle 10 km nehme ich eine Salztablette. Nach einer großen Runde durch den Südwesten Berlins kommen wir langsam wieder ins Stadtzentrum. Ich habe um die 33 km. Körperlich kann ich mich gar nicht beschweren. Keine Krämpfe, kaum Schmerzen. Ok, ich kann Wasser nicht mehr sehen, es kommt mir bestimmt schon aus den Ohren. Aber ich bin genervt. Von dem Gedränge. Von meiner Uhr, die schon fast einen Kilometer mehr anzeigt, als ich tatsächlich geschafft habe. Und plötzlich auch von meinen Schuhen. Mist, das habe ich geahnt. Einen neuen Schuh wollte ich nicht noch einlaufen, so musste einer meiner aktuellen herhalten, die beide aber schon um die 1000 km in den Sohlen haben. Und bei mir als schwerem Läufer halten Schuhe nie viel länger. Also, ist jetzt im letzten Viertel auch noch der rechte Schuh platt. Läuft sich, als ob ich nur noch einen Lappen unter den Füßen habe. Ich rechne hoch: als die dritte Stunde rum ist, habe ich fast 33 km geschafft. Ich kann mir also für die letzten 9,4 km eine ganze Stunde Zeit nehmen, um die 4 Stunden noch zu unterbieten. Meine Pace geht nicht wirklich in den Keller, ich habe keine Krämpfe und auch Schmerzen habe ich schon schlimmer erlebt.

Ich bin aber genervt. Kudamm, Gedächtniskirche, KaDeWe, Potsdamer Platz, wann ist dieser Lauf endlich zu Ende? Ab Kilometer 35 bleibe ich dann auch mal kurz an den Tränken stehen, wechsel ein paar Worte mit den Helfern, bedanke mich bei Ihnen für das, was sie hier tun: Tausenden Laufverrückten ein Erlebnis bescheren, an das sie noch lange zurückdenken.

Die Leipziger Straße, endlich, jetzt dauert es nicht mehr lange. Bald muss es nach links gehen. Gendarmenmarkt, Französische Straße, Unter den Linden. Aber wie lang ist denn diese Leipziger Straße?! Wann biegt die Strecke endlich ab?

Endlich tut die Strecke mir den Gefallen, die Beschilderung am Rand zeigt mir, dass es jetzt noch lumpige 2 Kilometer sind. Am Rennsteig fallen mir die letzten lumpigen 5 Kilometer nicht so schwer.

Aber dann, kurz vor dem 42. geht es endlich auf das Brandenburger Tor zu. Es wird immer voller und klar: Ich bin jetzt nicht mehr genervt, ich bin begeistert, wie voll es hier ist, wie die Massen jubeln. Brandenburger Tor: Einmal durch und auf die Zielgerade. Ui, das Zieltor ist aber noch weit. Ich lasse mir seit dem Pariser Platz viiiiel Zeit. Ich kanns mir leisten, die 4 wird auf keinen Fall erreicht. Bei 03:56:50 drücke ich Stop. Nicht schlecht, die 6 Minuten zu Frankfurt kann man gelten lassen. Silvio ist offenbar kurz vor mir ins Ziel gekommen. Er hatte auch so seine Probleme. Auch heilfroh, es hinter sich zu haben. Im Ziel, nach einem Marathon, darf man auch mal eine Träne vergießen. Oder zwei.

Nach einer knappen Stunde treffe ich meine Frau wieder, die mich die ganze Zeit per Tracker verfolgte, dank der etwas orientierungslosen Garmin aber meinen Lauf durchs Tor verpasst hat. Egal, sie hat auch ganz schön was hinter sich. Beim Warten in Berlin kommt so auch ein Halbmarathon bei ihr zusammen.

Da meine Frau am nächsten Tag recht früh raus muss, verabschieden wir uns von Silvio und machen uns auf den Heimweg. Auf dem Heimweg dann DIE Nachricht: Sven hat seinen 5. Marathon gefinisht. Endlich, das wurde Zeit, so eine Durststrecke, ich weiß nicht, ob ich die so stoisch ausgehalten hätte.

Ja, Berlin muss man mal gelaufen sein. Mir für meinen Teil reicht jedoch dieses eine Mal. Berlin ist mir zu voll, zu laut, irgendwie rücksichtslos. Es gibt andere Läufe, zu denen es mich immer wieder hinzieht. Zum Rennsteig, oder nach Frankfurt, wenn es ein Marathon sein soll.

 

 

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